Alle Beiträge auf UnPolitik.de stehen unter Creative-Commons-Lizenz (Namensnennung, nichtkommerziell)

Mai 22 2010

Unser Volk braucht Markt!

Category: Allgemein,Grundgesetz,ZitateSteff @ 10:55
Lesedauer ca. 6 Minuten

[5 UPDATES]
Horst Köhler war in Afghanistan. Dort hat er vor den deutschen Kriegern eine Ansprache gehalten, in der er ihnen versprochen hat, dass sie als Kriegshelden zurückkehren werden er alles dafür tun wird, dass ihre Leistung in Deutschland entsprechend gewürdigt wird. Solch ein Ansprache gehört sicher zu den repräsentativen Aufgaben eines Bundespräsidenten, dagegen kann man formal nichts sagen. Heute sagte Herr Köhler im Deutschlandradio allerdings noch etwas anderes.

Allerdings müsse Deutschland mit seiner Außenhandelsabhängigkeit zur Wahrung seiner Interessen im Zweifel auch zu militärischen Mitteln greifen. Als Beispiel für diese Interessen nannte Köhler ‘freie Handelswege’. Es gelte, ‘ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auf unsere Chancen zurückschlagen’ und sich somit negativ auf Handel und Arbeitsplätze auswirkten.

Wirklich, Herr Köhler? Öffentlich zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele durch militärische Gewalt aufrufen? Da muss man sich allerdings nur einmal ins Gedächtnis rufen, welch neoliberales Urgestein Horst Köhler ist, der geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) war und Mitglied der Trilateralen Kommission ist, und schon wird ein Schuh draus.

Vielleicht sollte man Herrn Köhler ja einmal empfehlen, das Buch “Volk ohne Markt” schreiben, um sein Verständnis von Wirtschaft und Militärmacht einmal genauer darzulegen.

Der verlinkte Vorgänger-Roman hatte einen sehr prominenten Fan.

UPDATE:

Sebastian Glas hat entdeckt, dass die betreffenden Stellen jetzt aus dem Original-Interview (MP3 und Transskript) herausgenommen wurden.

Wenn man bei dradio.de nach dem Begriff “freie Handelswege” aus dem Interview sucht, taucht das Interview zwar mit dem entsprechenen Textauszug auf, aber im Text selber sind die Stellen nicht mehr vorhanden.

Kleiner Fall von Eigenzensur, liebes Deutschlandradio? In den oben verlinkten News habt ihr die Zensur aber noch vergessen.

Ich habe nun einmal eine Email an dradio.de geschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute morgen hatten sie in ihrem Programm ein Interview mit unserem Bundespräsidenten Horst Köhler. In diesem Interview hat Herr Köhler einige Dinge gesagt, über deren Bedeutung und ggf. Verfassungsmäßigkeit man zumindest einmal genauer diskutieren sollte. In ihren Nachrichten wird darauf noch Bezug genommen: “Allerdings müsse Deutschland mit seiner Außenhandelsabhängigkeit zur Wahrung seiner Interessen im Zweifel auch zu militärischen Mitteln greifen. Als Beispiel für diese Interessen nannte Köhler ‘freie Handelswege’. Es gelte, ‘ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auf unsere Chancen zurückschlagen’ und sich somit negativ auf Handel und Arbeitsplätze auswirkten.”

Dieses Interview war auf dradio.de als MP3 und Text nachträglich zu finden, nun ist aber sowohl der Text, als auch der Audiobeitrag um genau diese kritischen Stellen gekürzt.

Können Sie mir beantworten, wie es dazu gekommen ist?

Mit freundlichen Grüßen,

Stefan Graunke

UPDATE:

Wie Sebastian in den Kommentaren schreibt, gibt es mehrere Versionen der Audiodatei des Interviews. Darunter auch eine in voller Länge. Das Transskript bleibt aber gekürzt.

Ich habe den betreffenden Abschnitt einmal lokal extrahiert: Koehler_Aussenhandel

Ich habe das mal transskribiert:

Ich finde es in Ordnung, wenn in Deutschland darüber immer wieder auch skeptisch, mit Fragezeichen diskutiert wird. Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt, wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe, mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit, auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall, auch militärischer Einsatz notwendig ist um unsere Interessen zu wahren. Zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen, negativ, durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.
Bundespräsident Horst Köhler, am 22.5.2010 auf Deutschlandradio

UPDATE:

Ich habe jetzt auch mal eine Mail an das Bundespräsidialamt geschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

gestern morgen konnte ich ein Interview unseres Bundespräsidenten auf Deutschlandradio hören, in dem er sich zum Thema Auslandseinsätze der Bundeswehr im Allgemeinen und dem Afghanistaneinsatz im Besonderen geäußert hat.

Auf Ihrer Webseite kann ich den Text des Interviews leider nicht finden aber es enthielt unter anderem folgende Passage:

[...obiges Transskript…]

Ich finde diese Aussagen ein wenig bedenklich und würde ganz gerne wissen, ob ich bei Ihnen eine genauere Erläuterung der Hintergründe dieser Aussagen unseres Bundespräsidenten erhalten kann, die meine Bedenken zertstreuen würden.

Mit freundlichen Grüßen,

Stefan Graunke


UPDATE:

Das Deutschlandradio hat auf meine Mail geantwortet, ist aber nicht darauf eingegangen, dass der transskribierte Beitrag nicht mehr in der langen Version zu finden ist:

Sehr geehrter Herr Graunke,

vielen Dank für Ihr Interesse am Interview mit Horst Köhler. Dieses Interview wurde in zwei Versionen ausgestrahlt, in einer gekürzten im Deutschlandfunk

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2010/05/22/dlf_20100522_0812_96dcfafd.mp3

(Länge 4 Minuten 49 Sekunden)

und in voller Länge im Deutschlandradio Kultur

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2010/05/22/drk_20100522_0751_c6f918db.mp3

(Länge 5:15)

Beide Dateien stehen seit der jeweiligen Sendung unverändert in unserem Internetauftritt zur Verfügung.

Die Nachrichten bezogen sich auf den ungekürzten Inhalt des Interviews von Deutschlandradio Kultur.

Mit besten Grüßen
Dr. Egbert Meyer
Deutschlandradio
Programmdirektion Multimedia
www.dradio.de

UPDATE

Ich habe zwar noch keine Reaktion vom Bundespräsidialamt, aber der CDU-Politiker Ruprecht Polenz hat reagiert.

Das Interesse Deutschlands an freien Handelswegen stehe in keinem Zusammenhang mit Militäreinsätzen. Hier habe sich der Bundespräsident missverständlich ausgedrückt.

Und NATO-Generalsekretär Rasmussen äußert sich auch noch mal zum Thema Wirtschaft und Militär.

Tweet it

Tags: , , ,

76 Responses to “Unser Volk braucht Markt!”

  1. Heiner says:

    Schade das ein guter Politiker zurück tritt. Auch schade das manche Menschen nicht in der Lage sind drei Sätze am Stück zu lesen und zu verstehen. Was ist daran schlimm wenn deutsche Handelsinteressen mit Waffengewalt geschützt werden. Siehe Operation Atlanta vor Somalia. Wenn wir dies nicht täten hätten wir nicht den Luxus und nicht die Möglichkeit uns darüber aufzuregen. Die Medien und auch die Blogger sollten sich im klaren sein welch eine Macht sie besitzen und sie nicht Mißbrauchen. Mit verlaub ihr seit kein deut besser als die Bildzeitung. Also noch einmal Danke das ihr einen weiteren guten Politiker abgesägt habt.

    • Rave says:

      Das Problem liegt nicht daran das immer die Pseudointellektuellen in ihren Blogs ihre Meinung präsentieren, vielmehr daran das soetwas ernst genommen wird. Jede Form von Meinungsbekundung ist heutzutage Stimmungsmache und auch sämtliche Medien polarisieren mehr als das sie informieren.

      Objektiv betrachtet dürfte man auf solche Bekundungen nichts geben aber leider gehört auch so eine Person zum Volk und da zählen bekanntlich alle Meinungen gleich viel – das 95% der Bevölkerung ungebildet und/oder geistig minderbemittelt sind führt eben zu solchen grandiosen Ergebnissen.

      aber naja .. ;)

  2. Fassungslos says:

    Ein demagogisches Meisterstück! Herzlichen Glückwunsch zur Demontage eines der letzten integeren Exemplare der Gattung Politiker.

    Seid stolz auf Euch und beklagt Euch nicht, wenn es schlimmer wird. Denn das wird es…..

  3. Wirklich, Herr Köhler? - suelz-koeln.de says:

    [...] Ziele durch militärische Gewalt aufrufen?”, fragte Stefan Grauncke am 22. Mai in seinem Blog Unpolitik.de im Beitrag “Unser Volk braucht Markt!”, der in Folge von weiteren Bloggern aufgegriffen [...]

  4. Köhler macht den Lafo - Und der Spiegel ist schuld » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog says:

    [...] Blogs thematisiert, wie Carta.Info beschreibt. Der Blog “Unpolitik.de” fragt am 22.5.: Unser Volk braucht Markt! ”Vielleicht sollte man Herrn Köhler ja einmal empfehlen, das Buch “Volk ohne [...]

  5. alles Unsinn…ich bin müde » Blog Archiv » #Zensursula wird #Köhler Nachfolger!1! says:

    [...] ist wieder so typisch Medien und selbst die Blogs checken es größtenteils nicht [...]

  6. Floh says:

    Ach, in Afghanistan geht es um Handel? Opium?

  7. Press Review: “a Hate-Filled Press Campaign” « Justrecently's Weblog says:

    [...] Blog picks up the Deutschlandfunk report [quoting from Köhler's interview] [...] and asks: “Really, Mr. Köhler? A public call to enforce economic interests by military [...]

  8. Adieu Herr Bundespräsident – jetzt entscheiden wir! « Social Media Strategy Lab says:

    [...] auf die Agenda gesetzt als klassische Medien noch schliefen. So war es u. a. auf Carta zu lesen. Unpolitik.de, das Querblog, Fefe & Co identifizierten seine Aussagen als skandalös, lösten eine [...]

  9. Spin und Gegen-Spin: Verschwörung um Horst Köhlers Rücktritt « Schaltzentrale says:

    [...] Holgi heißt es dazu, das Deutschlandradio habe das Interview wohl um die entsprechenden Passagen gekürzt.¹ Bei Fefe wird daraus dann ein “nachträglich gekürzt”. Das ist nicht nur eine  [...]

  10. F.A.Z.-Community says:

    [...] Blog "unpolitik", dem die Aussagen als erstes komisch vor kamen, fragte daraufhin: "Wirklich, Herr Köhler? Öffentlich zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele durch [...]

  11. Hörtipp: Medienradio 024 – Die Blogger und der Bundespräsident | SchönSchriften says:

    [...] Medien und Meinungsmacher, die das Thema am Laufen hielten; es waren Blogs. Zunächst Unpolitik, dann einige Tage später Beim Wort [...]

  12. Ein Tag in der digitalen Journalisten-Galaxis | Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0 says:

    [...] Beispiele zur Blogger-Macht und dem Informations-Multiplikator Internet (an den Fallbeispielen Horst Köhler und dem Palmöl-Skandal um Nestle) gehen im allgemeinen Geplänkel über Netz-Notwendigkeiten [...]

  13. » Der bewaffnete Handelsreisende binsenbrenner.de says:

    [...] d. Red.: Dank an unseren Leser Seegal und UnPolitik, die uns auf dieses Thema aufmerksam [...]

  14. Rambos von der Arbeitsagentur | WIR die ZZ-ZeitZeitung says:

    [...] erstmal in der bewährten Salamitaktik der dünnen Scheibchen auf Verbreitung ohne Internet und zensiert daher den Mitschnitt der Rede in Text und [...]

  15. Zapfenstreich! « DickerBierBauchDE says:

    [...] etwas missverständlich wie der Blogger Stefan Graunke aus Köln fand und in seinem BLOG UnPolitik schrieb. Er haatte sich blöd ausgedrückt und nun schwebte er in einer Wolke von beschuldigungen. [...]

  16. Largos says:

    Zum Glück ist es inzwischen ja zu einer Reaktion gekommen mit der man auch zufrieden sein kann! Der Rücktritt war nach einer solchen Äußerung aber auch wirklich notwendig.
    Und einer seiner Verteidiger ist inzwischen ja ebenso nicht mehr im Amt…

  17. beim wort genommen » Blog Archiv » Köhler und ich: Eine Klarstellung says:

    [...] Äußerungen berichtet haben, und dabei bei Weitem nicht der Erste und nicht der meist Gelesene. Unpolitik hat zum Beispiel schon am Samstag darüber berichtet, fefes blog, der ungleich mehr Leser erreicht [...]

Leave a Reply