Eine kurze Parabel vom Mehl.
Der Markt für Mehl entzieht sich zu großen Teilen einer zentralen Kontrolle. Mehlhersteller produzieren wo und wie sie wollen und die Menschen konsumieren Mehl auch einfach wo und wie sie wollen. Sie backen Brot mit Mehl, sie backen Kuchen, sie kochen Saucen mit klassischer Mehlschwitze. Sie kaufen Biomehl, Weizenmehl, Maismehl, Vollkornmehl und manche Leute mahlen ihr Mehl sogar selber. Es macht einen ganz bestimmten Kontroll-Freak aber vollkommen wahnsinnig, dass er den Mehlmarkt nicht komplett kontrollieren kann. Und glücklicherweise stellt sich plötzlich heraus, dass in einer verschwindend geringen Menge an Mehlpackungen eine minimale Menge Kokain enthalten ist. Wie das Kokain dort hinein gekommen ist? Man weiß es nicht genau. Es sind verschwindend geringe Mengen, die mit dem Mehlmarkt an sich wenig zu tun haben. Ein regelrechter Kokainhandel über das Mehlregal im Supermarkt findet nicht statt. Kokain wird eben nach wie vor von Drogendealern verkauft und auf VIP-Partys konsumiert.
Nun startet jedoch eine Kampagne gegen das Kokain im Mehl. Man macht in breitester Öffentlichkeit Front gegen Kokain, deutet anklagend auf das Mehlregal und fordert den Zugang zu Kokain-Mehl zu unterbinden. Das ist allerdings nicht ganz so einfach, denn Kokain lässt sich in Mehl recht gut verstecken. Die Kontrollstelle hat aber Drogenspürhunde, die in der Lage sind in sämtlichen Mehlregalen in vielen Märkten einen Teil der Packungen herauszufinden, die mit Kokain belastet sind. Ab und zu schlagen die Hunde auch bei unbelasteten Packungen an, aber das lässt sich halt nicht vermeiden. Diese Packungen werden nun mit einer, nur von Mehlfilter-Beamten erkennbaren, Markierung versehen. Ansonsten wird niemandem gesagt um welche Packungen es sich handelt. Nicht nur das, man verbietet auch anderen Kokaingegnern mit Drogenhunden zu arbeiten oder die Markierungen sichtbar zu machen. Nun regt sich unter den Mehlkonsumenten Unmut und Unverständnis, man kontert aber mit der Aussage, dass es ja nur darum gehe, den Zugriff auf Kokain zu erschweren um so die gesamte Kokain-Industrie austrocknen zu können. Und außerdem sei Kokain so suchterzeugend, dass man abhängig werde sobald man eine belastete Mehlpackung nur öffne.
Vor die Kassen der Mehl-Supermärkte stellt man nun Mehlfilter-Beamte auf, die nach den verborgenen Markierungen auf den Mehlpackungen suchen und mich gegebenenfalls davor warnen, zur Kasse zu gehen. Ist ja alles nicht so schlimm, die Beamten haben zwar ein ernstes Gesicht, bleiben aber höflich und man stellt die Packung dann einfach wieder zurück ins Regal und nimmt sich ein anders Mehl. Ähm, Moment mal… zurück ins Regal? Wieso werden denn die identifizierten Packungen nicht einfach schon vorher aus dem Regal genommen? Dann wären sie weg und niemand könnte mehr nach ihnen greifen. Das wäre alles nicht so einfach, heißt es, und außerdem tue man ja so wenigstens was gegen Kokain und man sei doch nicht etwa für freien Zugriff auf Kokain, oder?
Viele geben sich damit zufrieden, denn es geht ja gegen Kokain und wenn da die Verteilung erschwert wird, wer will da schon protestieren? Die Tatsache, dass Kokain eigentlich auf ganz anderen Wegen gehandelt wird stellt kaum noch jemand zur Diskussion. Eine Anti-Kokain-Marionette verspricht auch in aller Öffentlichkeit, dass da niemand kriminalisiert werden soll, man wolle ja nur die Menschen schützen. Wer aus Versehen zur einer Mehlpackung mit Kokain greife, habe nichts zu befürchten. Die breite Öffentlichkeit setzt sich beruhigt zurück auf die Couch und schaut weiter Fernsehen. Nun wird es aber akut mit der Mehlkontrolle, die genauen Regelungen werden in Worte gegossen und siehe da, es liest sich alles ein wenig anders. Sobald jemand seine Hand auf eine unsichtbar markierte Mehlpackung im Regal legt, ja selbst wenn man sie nur im Vorbeigehen mit dem Arm streift, wird man vom Drogenhund als Kokain-Junkie verbellt und muss sich einer Untersuchung unterziehen lassen, die nicht nur herausfinden soll ob man schon einmal Kokain konsumiert hat sondern auch ob man vielleicht Kokain konsumieren wollte.
Das macht vielen Menschen große Angst. Wenn das Mehlregal so gefährlich ist, gibt es dann keine Alternativen? Sie fangen an auf Mehl zu verzichten. Kaufen künstliche Saucenbinder anstatt Mehlschwitze zu nehmen und holen sich Kuchen und Brot in Großbäckereien mit staatlichem Gütesiegel. Es gibt ein paar Unentwegte, die sich privat ihr eigenes Mehl mahlen aber im Großen und Ganzen ist der freie Markt für Mehl tot.
Derweil wird weiter Kokain produziert, über Drogendealer verkauft und auf VIP-Partys konsumiert.
Mehlpackungen aus dem Supermarkt jedoch, fasst keiner mehr an.
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April 25th, 2009 at 15:43
Wirklich super erklärt!
April 25th, 2009 at 16:44
[...] dieser Debatte gibt es unter anderem von Marcel Weiss bei Netzwertig.com , von Stefan Graunke bei UnPolitik.de , von Felix Schwenzel bei wirres.net , sowie noch mehr im Wiki des Arbeitskreis gegen [...]
April 25th, 2009 at 18:14
[...] UnPolitik.de – Mehlfilter [...]
April 25th, 2009 at 18:40
[...] dieser Debatte gibt es unter anderem von Marcel Weiss bei Netzwertig.com , von Stefan Graunke bei UnPolitik.de , von Felix Schwenzel bei wirres.net , sowie noch mehr im Wiki des Arbeitskreis gegen [...]
April 25th, 2009 at 19:08
[...] dieser Debatte gibt es unter anderem von Marcel Weiss bei Netzwertig.com , von Stefan Graunke bei UnPolitik.de , von Felix Schwenzel bei wirres.net , sowie noch mehr im Wiki des Arbeitskreis gegen [...]
April 25th, 2009 at 19:43
[...] posts like this (unfortunately in German) are: Netzwertig.com, UnPolitik.de, wirres.net, Arbeitskreis gegen Internetsperren und Zensur (AK [...]
April 25th, 2009 at 20:33
[...] zu dieser Debatte gibt es unter anderem von Marcel Weiss bei Netzwertig.com, von Stefan Graunke bei UnPolitik.de, von Felix Schwenzel bei wirres.net, sowie noch mehr im Wiki des Arbeitskreis gegen Internetsperren [...]
April 25th, 2009 at 21:11
Dieser Beitrag hat die schnelle und weite Verbreitung, die er erfahren hat, voll verdient.
Meine Hochachtung
April 26th, 2009 at 02:40
[...] Metapher vom Mehlfilter http://www.unpolitik.de/2009/04/25/mehlfilter/ [...]
April 26th, 2009 at 08:51
[...] 25.04.09: Haha, sehr gut auch seine ‘Parabel vom Mehl’: http://www.unpolitik.de/2009/04/25/mehlfilter/ [...]
April 26th, 2009 at 13:29
[...] Mehlfilter | UnPolitik.de Posted by ekelias Filed in Zensursula Tags: Links, weltgeschehen, weltwirtschaftskrise, Zensur, Zensursula No Comments » [...]
April 27th, 2009 at 10:57
[...] Zitat: Der Markt für Mehl entzieht sich zu großen Teilen einer zentralen Kontrolle. Mehlhersteller produzieren wo und wie sie wollen und die Menschen konsumieren Mehl auch einfach wo und wie sie wollen. Sie backen Brot mit Mehl, sie backen Kuchen, sie kochen Saucen mit klassischer Mehlschwitze. Sie kaufen Biomehl, Weizenmehl, Maismehl, Vollkornmehl und manche Leute mahlen ihr Mehl sogar selber. Es macht einen ganz bestimmten Kontroll-Freak aber vollkommen wahnsinnig, dass er den Mehlmarkt nicht komplett kontrollieren kann. Und glücklicherweise stellt sich plötzlich heraus, dass in einer verschwindend geringen Menge an Mehlpackungen eine minimale Menge Kokain enthalten ist. Wie das Kokain dort hinein gekommen ist? Man weiß es nicht genau. Es sind verschwindend geringe Mengen, die mit dem Mehlmarkt an sich wenig zu tun haben. Ein regelrechter Kokainhandel über das Mehlregal im Supermarkt findet nicht statt. Kokain wird eben nach wie vor von Drogendealern verkauft und auf VIP-Partys konsumiert. [...]
April 27th, 2009 at 14:38
[...] dieser Debatte gibt es unter anderem von Marcel Weiss bei Netzwertig.com , von Stefan Graunke bei UnPolitik.de , von Felix Schwenzel bei wirres.net , sowie noch mehr im Wiki des Arbeitskreis gegen [...]
April 29th, 2009 at 09:07
[...] hier weiter lesen [...]
April 29th, 2009 at 09:36
[...] UnPolitik – Mehlfilter [...]
Mai 1st, 2009 at 09:49
[...] Was Mehl und Kokain mit Kinderpornografie zu tun [...]
Mai 2nd, 2009 at 00:58
Wunderbar! Treffender kann man es nicht zusammenfassen.
Übrigens: Die Spürhunde haben im letzten Jahr mehr als doppelt so viele schwerst Kokainkriminelle aufgespürt (111% Steigerung). Dies ist darauf zurückzuführen, das vorbeugend gegen alle Kunden eines Geschäftes in dem Mehlspeisen mit Kokainspuren gefunden wurden, ein Verfahren eingeleitet wurde.
Mai 3rd, 2009 at 11:12
[...] [Dieser Artikel wurde am 25.4.09 von Steff auf UnPolitik.de veröffentlicht.] [...]
Mai 5th, 2009 at 01:53
[...] Eine wunderbare Parabel über das liebe Mehl, und wie man es kontrollieren muss. Eventuelle Parallelen zu aktuellen Ereignissen sind selbstverständlich rein zufällig: Hier lesen. [...]
Mai 8th, 2009 at 21:06
[...] dieser Debatte gibt es unter anderem von Marcel Weiss bei Netzwertig.com , von Stefan Graunke bei UnPolitik.de , von Felix Schwenzel bei wirres.net , sowie noch mehr im Wiki des Arbeitskreis gegen [...]
Mai 9th, 2009 at 15:05
[...] Eine kurze Parabel vom Mehl. [...]
Mai 12th, 2009 at 16:41
Genial erklärt. Danke!
Mai 23rd, 2009 at 18:35
Ich wusste es. Das war gar keine Metapher
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,626468,00.html
Mai 24th, 2009 at 16:50
[...] http://www.unpolitik.de/2009/04/25/mehlfilter/ Suchbegriff [...]
September 24th, 2009 at 16:35
Ich hätte das etwas umformuliert:
An den Kassen der großen Supermarktketten wird anhand der Barcodes geprüft, welche Mehlpackungen “gefährlich” sind und welche nicht – das macht die Geschichte an der Stelle etwas schlüssiger. Dann geben die Polizisten Listen mit allen Barcodes heraus, die nicht mehr verkauft werden dürfen.
Aber generell eine super Satire
September 29th, 2009 at 16:57
Sehr gute Analogie, danke dafür. Vielleicht hilft das den Leuten, die sich die abstrakte Welt des Internets schlecht vorstellen können, zu verstehen, wie blödsinnig und nutzlos die ganze Stoppschildthematik eigentlich ist.